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Leseprobe (…sie)

Wie man einen Piloten kennenlernt

Wie man einen Piloten kennenlernt

Beim Kennenlernen eines neuen Partners gibt es ja die verschiedensten Taktiken. Vergleiche ich mich mit meinen beiden „Lehrmeisterinnen“, habe ich da bereits fundamentale Fehler gemacht. Ich bin da ganz eindeutig nicht strategisch genug ‚rangegangen! Nun fragt ihr euch, wie man einen Piloten strategisch kennenlernen kann? Ganz einfach so:

Variante 1: Man kann zum Beispiel herausfinden, in welchen Hotels die Crews absteigen und Tag ein Tag aus zuuufällig vorbeikommen und dort Stunden verbringen. Irgendwelche Männer, die einem die Abende mit Drinks finanzieren, finden sich für charmante Frauen ja immer. Dabei muss man aber immer fokussiert auf das Endziel bleiben! Das Herkunftsland der Crew bzw. des Kandidaten wählt man ganz nach Belieben – Flugpläne lassen sich ja einsehen. Hat man ein Objekt der Begierde erspäht – wahlweise auch mehrere -, muss man nur noch den Köder auswerfen. Am Besten zeigt man sich als junge, durchtrainierte, lebenshungrige Frau, die mit Humor und viel Schmeichelei jeden Abend versüßt.

Hier habe ich übrigens eine neue Vokabel gelernt. Es gibt nicht nur Fake-News, es gibt auch Fake-Compliments. Was das ist? Beispiel: du bist zum Essen eingeladen und es schmeckt furchtbar. Was sagt du also? Richtig: „Hmmmm, das schmeckt wirklich lecker!“. Laut meiner Lehrmeisterin Nummer eins, nennen wir sie mal Magdalena, bringt einen das im Leben weiter. Ich persönlich frage mich, wie mich das im Leben weiterbringt, wenn ich immer wieder Gerichte vorgesetzt bekomme, die ich furchtbar finde, aber das liegt wahrscheinlich an mir. Schätze mein IQ reicht für diese Lebensweisheit einfach nicht aus.

Variante 2: Man schafft es selbst als Stewardess zu einer Fluglinie – am besten direkt im Zielland. Auch hier gilt wieder Augen auf bei der Länderwahl! Ist man dort angekommen, wendet man die „hohe Kunst“ des Marketings an: Massenmailing. Kein Witz. Man wirft einfach möglichst vielen Piloten, die sich untereinander allerdings besser nicht kennen, einen Zettel ins Postfach, dass man sich da und da getroffen habe und man ihn jetzt unbedingt näher kennenlernen möchte. Ein bis zwei sind garantiert gutmütig genug, darauf herein zu fallen. Kompliziert wird’s allerdings, wenn man eine offene Kommunikation pflegt und der frisch gewonnene Partner versehentlich E-Mails mit einem der anderen Kandidaten liest. Für diesen Fall sollte man im Voraus unbedingt schon ein paar Antworten vorbereitet haben. Die könnten zum Beispiel lauten: „Kann ich doch nichts dafür, wenn der mir solche E-Mails schreibt!“ Solche Situationen sind gleichzeitig bereits ein wertvoller Gutmütigkeitstest für den Auserwählten. Verzeiht er einem ohne Weiteres, ist es der Richtige, laut Lehrmeisterin Nummer 2. Nennen wir sie mal Fru.

Bei uns war es ganz anders. Was soll ich sagen? Es war Stockholm, es war New York, es war Liebe auf den ersten… es war über eine Dating Plattform. Willkommen in der Neuzeit meine Lieben. Wie sollen sich eine Vielreisende, die nicht selten 3 Länder pro Woche besucht, und ein Pilot sonst kennenlernen? Auf einem seiner Flüge sagt ihr? Sicher! Wenn ich ein Pferd gewesen wäre. Der Gute fliegt nämlich – zumindest im Moment – nur Fracht. Also, wir haben uns kennengelernt, uns sofort großartig verstanden und lebten fortan glücklich bis an unser Lebensende? Naja… fast.

Als er mich anschrieb, war ich gerade in den Endzügen einer kurzen, sehr chaotischen Beziehung mit einem…. Zugführer. Böse Zungen behaupten, ich hätte mich hochge…arbeitet. Zumindest bin ich der Fracht treu geblieben. „Fracht motzt nicht, Fracht kotzt nicht“ hab‘ ich mir sagen lassen. Der Zugführer war übrigens Hobbyflieger und machte gerade seinen Flugschein. Der Pilot ist Berufsflieger mit Hobby- Eisenbahn im Keller. Da scheint also irgendein Zusammenhang zu bestehen, ob Kausal oder Korrelation wage ich nicht zu beurteilen…

Also, da ist dieser „Aviator“ wie er sich nannte. Nachricht klingt nett, Fotos sehen ansprechend aus und sein Profil wirkt sehr sympathisch. Ich bin ehrlich gesagt sofort begeistert. Was mach ich also? Richtig, ihn erstmal abweisen. Warum das??! Ihr kennt mich, ich bin äußerst geradlinig und war ja noch „besetzt“. In meiner unverkennbaren Art – das mache ich übrigens bei allen… ähm…. Bewerbern – habe ich ihm den Grund natürlich gleich mitgeliefert: „Habe meinem Ex gerade wieder eine Chance gegeben und kam nur noch nicht dazu, mein Profil hier zu deaktivieren.“ Zurück kam etwas, das ich nicht erwartet hatte. Kein: „ja dann leckst mich halt am A***“ oder dieses äußerst warmherzige, verständnisvolle „Profil blockieren“ was wie eine Seuche um sich Griff und immer inflationärer genutzt wurde. Nein, mein Pilot schickte eine tatsächlich warmherzige Botschaft: Eine relativ ausführliche Nachricht, in der stand, dass ich mir in Ruhe klar werden solle, was ich wolle und es nicht an einer Person festmachen solle. Gut dass ich nicht besonders gelenkig bin, sonst hätte ich von dem Tag vermutlich heute noch Bissspuren am Hintern.

Das ‚mir klar werden‘ ging dann auch recht flott. Ich weiß nicht mehr genau, ob es zwei Tage waren oder eine Woche aber der Zugführer zeigte immer mehr eine, ich nenne es mal, „Priorisierung“ in welcher ich irgendwo nach Job eins, zwei und drei, Flugschein machen, Nachbars Hund ausführen und der Katze die Flöhe einzeln entfernen, stand. Der Mensch hatte tatsächlich drei bis vier Jobs und dazu noch diverse Hobbies wie Vorsteher des lokalen Modellbau-Vereins oder so. Meist arbeitete er 18 Stunden am Tag und ich passte da irgendwie nur rein, wenn ich ihm mal wieder den Hintern retten durfte. Sei es indem ich die Hochzeitsorganisation für seinen besten Freund rettete oder ihn mitten aus dem Nirgendwo mit dem Auto abholte. Ok, das war jetzt etwas einseitig dargestellt, ich geb’s zu. Sagen wir einfach, er gehört zu den Männern, die mehr zum Kumpel denn zum Freund taugen.

Jetzt bin ich intellektuell nicht ganz unbedarft. Was mache ich also? 1. Ich sage dem Zugführer, er können mich mal… am Kopf kraulen.. was ich übrigens sehr gerne mag aber das gehört jetzt nicht hier hin. 2. Ich schreibe dem Aviator, dass sich das Ganze schon wieder erledigt hat. Bin stolz auf mich. Schlauer Plan. In der Theorie. Jetzt ist mein Pilot intellektuell auch nicht ganz unbedarft. Hatte glaub ich vom vielen Sitzen im Pilotenstuhl so ne latente wiederkehrende Verspannung im rechten Zeh und entschied sich nach kurzem Bewerbungstelefonat mit mir erstmal für ne Physiotherapeutin… von der ich übrigens lange dachte, sie sei Psychotherapeutin. Psycho war sie dann auch, nur ohne Therapeutin. Früher oder später hat das dann auch der Pilot bemerkt und schrieb mir aus heiterem Himmel „Du bist online wie ich sehe“.

Dieser Satz war die Einladung in ein neues Leben. Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres sollte sich mein Leben komplett ändern. Ich, die quasi ohne Familie und ohne elterliche Liebe aufgewachsen war, mir immer Partner gesucht hatte, die mir nicht annähernd das Wasser reichen konnten, sollte auf einen Schlag klar kommen mit einem erfolgreichen Flug-Kapitän, einem 1-jährigen Sohn, einem 12-jährigen Sohn und zwei Ex-Freundinnen/-Frauen, die einen erbitterten Kampf führen, den außer ihnen niemand will. Langweilig wird’s bei uns nie. Das kann ich versprechen!

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